Bindungsangst
Bindungsangst beschreibt eine ausgeprägte Angst vor emotionaler Nähe und häufig auch vor körperlicher Nähe in einer Partnerschaft. Gleichzeitig und vermeintlich widersprüchlicher Weise sehnen sich Betroffene meist nach Liebe und einer verlässlichen Bindung. Dieser innere Widerspruch kann für bindungsängstliche Menschen sehr belastend sein. Sie wünschen sich Nähe zu einer anderen Person, erleben sie aber als einengend oder bedrohlich, sobald eine Beziehung verbindlicher wird. Bindungsangst ist keine eigenständige psychische Störung nach ICD-10, sondern ein aus der Bindungstheorie abgeleitetes Beziehungsmuster. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde das Thema unter anderem durch die Psychologin Stefanie Stahl bekannt.
Nicht jeder Mensch, der sich zeitweise zurückzieht oder Zweifel am Partner hat, leidet unter Bindungsangst. Typische Anzeichen zeigen sich vielmehr in wiederkehrenden Mustern, die festen Beziehungen und engen Bindungen im Weg stehen. Dazu zählen ein starkes Bedürfnis nach Distanz, sobald emotionale Nähe entsteht, Zweifel am Partner trotz bestehender Gefühle oder der Wunsch, eine eigentlich gewünschte Partnerschaft zu beenden. Die Symptome können sich bei Mann und Frau durchaus unterschiedlich äußern, ohne dass Bindungsangst grundsätzlich geschlechtsspezifisch wäre.
Bindungsangst ist von ähnlichen Begriffen zu unterscheiden, etwa von der Beziehungsangst. Diese bezieht sich stärker auf die Angst vor dem Scheitern einer konkreten Beziehung, Verlustangst auf die Sorge, einen nahestehenden Menschen zu verlieren. Häufig wird zudem zwischen aktiver Bindungsangst und passiver Bindungsangst unterschieden. Bei der aktiven Form ziehen sich Bindungsängstliche bei zunehmender Nähe bewusst zurück, beenden Beziehungen oder geraten wiederholt in On-Off-Beziehungen. Manche fühlen sich besonders zu einem unerreichbaren Partner hingezogen, weil dadurch Distanz bestehen bleibt. Passive Bindungsangst zeigt sich dagegen eher durch Kritik, Streit oder emotionale Zurückhaltung innerhalb einer bestehenden Beziehung. Auch körperliche Nähe und Sexualität können durch die passive Bindungsangst betroffen sein.
Die Ursache von Bindungsangst liegt häufig in Erfahrungen aus der frühen Kindheit. Unsichere Bindungserfahrungen, emotional distanzierte Bezugspersonen sowie Verlust oder Trennung können dazu führen, dass Nähe später mit Unsicherheit verbunden wird. Als Auslöser wirken häufig Situationen, in denen eine Beziehung verbindlicher wird, etwa Zukunftsgespräche, gemeinsames Wohnen oder das Gefühl, emotional von der anderen Person abhängig zu werden.
Für bindungsängstliche Partner und ihr Umfeld ist es nicht immer leicht, das Verhalten richtig einzuordnen. Rückzug bedeutet nicht automatisch, dass keine Liebe vorhanden ist. Gleichzeitig sollten andere Menschen ihre eigenen Grenzen wahrnehmen und nicht dauerhaft versuchen, die Angst des Partners auszugleichen.