Body Positivity: Zwischen Selbstliebe, Druck und falschen Erwartungen

Eine rau sitzt auf einem Steg und streckt beide Arme in die Luft.

Herausforderungen im Umgang mit dem eigenen Aussehen

Ein trainierter Körper, jugendliches Aussehen, makellose Haut, üppiges Haar und das perfekte, strahlend weiße Lächeln … Wenn man durch Zeitschriften blättert, durch die sozialen Medien scrollt oder durch das Fernsehprogramm zappt, begibt man sich ganz schnell und unweigerlich in eine Welt voller Perfektion und Schönheitsideale. Wer bekommt dann nicht den Eindruck, dass die Realität im wahrsten Sinne des Wortes so aussieht und solche „Erscheinungen“ nicht die Ausnahme, sondern Regel und Standard sind? Schnell kann das Gefühl entstehen, selbst unzulänglich oder nicht ideal genug zu sein und nicht mithalten zu können – Scham, Frustration und eine falsche Selbstwahrnehmung können die Folge sein. Gut ist es, sich von solchen „Vorbildern“ abzugrenzen, nicht jedem Trend zu folgen, seinen Körper zu akzeptieren und seine eigene Schönheit bewusst wahrzunehmen. Die vermeintliche Botschaft: „Liebe Deinen Körper!“ Mittlerweile hat sich aus diesem Appell eine eigene Begrifflichkeit und Bewegung geformt: Body Positivity, was für Selbstakzeptanz und Selbstliebe steht. Und eigentlich sollte sich diese Aufforderung und dieses Signal à la „Du bist gut so, wie Du bist“ doch positiv anfühlen, oder? Doch vielleicht haben Sie gemerkt, dass genau das nicht immer der Fall ist. Dass sich statt Entlastung trotzdem eher Unsicherheit oder sogar Druck einstellt.

Wenn das der Fall ist, sind Sie damit nicht allein. Die Beziehung zum eigenen Körper kann komplex sein und sich widersprüchlich anfühlen – vor allem dann, wenn man permanent das Gefühl hat, nicht gut genug zu sein, obwohl man genau weiß, dass die Welt, in der man sich vergleicht, vermeintlich eine Welt voller Filter, Momentaufnahmen und Schein ist. Genau deshalb kann es hilfreich sein, genauer hinzuschauen und zu verstehen, was hinter diesen Gefühlen steckt.

Was bedeutet Body Positivity wirklich?

Die ursprüngliche Idee von Body Positivity ist es, gesellschaftliche Schönheitsideale zu hinterfragen und Vielfalt anzuerkennen. Im Kern geht es nicht darum, den eigenen Körper permanent positiv zu bewerten, sondern ihn wertfrei akzeptieren zu können. Im Alltag wird daraus jedoch häufig eine verkürzte Botschaft: „Du musst deinen Körper lieben.“ Aber mal ganz ehrlich, wer tut das schon – und es ist doch auch völlig normal, dass man mal mit sich hadert! Für viele Menschen ist das Ziel absoluter Selbstakzeptanz und kompromissloser positiver Selbstwahrnehmung verständlicherweise vollkommen unrealistisch. Die Folge daraus kann sein, dass die eigentliche positive, ermutigende Botschaft der Selbstliebe negative Gefühle, Unsicherheit und Selbstzweifel zur Folge hat! 

Wenn Unzufriedenheit zur Belastung wird

Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen kennen die meisten Menschen. Doch vielleicht fragen Sie sich, ob das, was Sie erleben, noch im Rahmen liegt. Oder ob es Sie bereits stärker belastet, als es sollte.

Wenn Sie unsicher sind, kann es helfen, auf typische Anzeichen im Alltag zu achten:

  • starkes gedankliches Kreisen um das eigene Aussehen
  • häufiges Kontrollieren im Spiegel oder gezieltes Vermeiden von Spiegeln
  • intensive Scham oder Unsicherheit im sozialen Kontext
  • Rückzug aus sozialen Situationen
  • das Gefühl, von anderen negativ bewertet zu werden

Wenn mehrere dieser Punkte auf Sie zutreffen und Ihren Alltag beeinflussen, kann mehr dahinterstecken als „normale“ Unsicherheit.

Eine Patientin in einer psychischen Privatklinik geht durch den Park und erfreut sich an einer runden Skulptur.

Körperdysmorphe Störung: Wenn das Körperbild verzerrt ist

Manche Gedanken über das eigene Aussehen lassen sich nicht einfach abschütteln. Sie bleiben, drängen sich immer wieder auf und wirken intensiver, als es von außen nachvollziehbar ist.

Die sogenannte körperdysmorphe Störung (Körperdysmorphie) beschreibt genau dieses Erleben. Betroffene nehmen einzelne Körpermerkmale als stark fehlerhaft wahr, auch wenn diese für andere kaum oder gar nicht auffällig sind. Die Wahrnehmung des eigenen Körpers verschiebt sich. Das kann zu erheblichem Leidensdruck führen. Gedanken kreisen immer wieder um das Aussehen und beeinflussen zunehmend den Alltag. Häufig entstehen auch Verhaltensmuster wie wiederholtes Kontrollieren, ständiges Vergleichen oder das Vermeiden bestimmter Situationen.

Wichtig ist die Abgrenzung:

  • Alltägliche Unsicherheit: zeitweise Zweifel am eigenen Aussehen
  • Körperdysmorphe Störung: anhaltende, belastende Gedanken mit deutlicher Einschränkung im Alltag

Auch zu Essstörungen gibt es Überschneidungen, jedoch stehen dort häufig Gewicht, Essen und Kontrolle stärker im Vordergrund.

Die Rolle von Social Media

Wie fühlen Sie sich, nachdem Sie durch Social Media gescrollt haben? Wirklich besser oder eher unsicherer? Gefilterte Bilder, bearbeitete Körper und idealisierte Darstellungen setzen oft unrealistische Maßstäbe. Und auch wenn man weiß, dass vieles davon nicht der Realität entspricht, wirkt es trotzdem. Selbst Inhalte, die eigentlich Body Positivity vermitteln sollen, können Druck erzeugen. Zum Beispiel dann, wenn überall gezeigt wird, wie selbstverständlich andere sich selbst lieben, selbstbewusst auftreten und sich scheinbar immer wohl in ihrem Körper fühlen. Und genau hier entsteht schnell ein Vergleich. Warum fühlt sich das bei mir nicht so an? Warum fällt mir das so schwer? Aus einem positiven Gedanken wird plötzlich ein Anspruch, der sich nicht einfach erfüllen lässt. Der ständige Vergleich mit solchen Bildern kann dazu führen, dass Unsicherheiten stärker werden oder überhaupt erst entstehen.

Zwei Frauen sitzen nebeneinander auf einem Sofa und unterhalten sich über Body Positivity.

Zwischen Selbstakzeptanz und Verharmlosung

Body Positivity kann ein wichtiger Schritt sein, um sich von starren Schönheitsidealen zu lösen. Sie kann helfen, den Blick auf den eigenen Körper zu verändern und mehr Akzeptanz zu entwickeln. Doch was ist, wenn sich die eigenen Gedanken dadurch nicht einfach verändern lassen? Wenn die Unzufriedenheit bleibt, trotz all der positiven Botschaften? Dann reicht es oft nicht aus, sich nur zu sagen, man sollte sich mehr akzeptieren.

Body Positivity kann unterstützen, ersetzt aber keine professionelle Hilfe, wenn der Leidensdruck hoch ist. Und vor allem: Sie müssen Ihren Körper nicht jeden Tag lieben! Für viele Menschen ist das weder realistisch noch erreichbar. Ein hilfreicherer Ansatz kann sein, eine neutralere Haltung zu entwickeln. Den eigenen Körper nicht ständig zu bewerten, sondern ihn Schritt für Schritt anzunehmen, auch an Tagen, an denen es schwerfällt.

Was kann helfen?

Wenn Sie merken, dass Gedanken an Ihr Aussehen immer wieder viel Raum einnehmen, und Sie sich permanent unsicher oder unwohl fühlen, kann es hilfreich sein, erste bewusste Schritte in eine andere Richtung zu gehen. Dabei geht es nicht darum, alles sofort zu verändern, diese Gefühle zu unterdrücken oder sich plötzlich anders fühlen zu müssen, sondern vielmehr darum, sich selbst etwas mehr Verständnis entgegenzubringen und den eigenen Umgang Schritt für Schritt zu verändern.

Unterstützend können dabei folgende Ansätze sein:

  • den eigenen Medienkonsum bewusster wahrnehmen und gegebenenfalls reduzieren
  • unrealistische Schönheitsideale hinterfragen
  • den Blick stärker auf das richten, was Ihr Körper kann, statt nur auf das Aussehen
  • belastende Gedanken erkennen und einordnen lernen
  • sich nicht permanent in den Vergleich zu setzen
  • sich mit vertrauten Personen austauschen

Oft sind es gerade die kleinen Schritte, die langfristig einen Unterschied machen können.

Zwei Patientinnen laufen nebeneinander auf dem Burggelände der Vincera Klinik Burg Wernberg.

Wann professionelle Hilfe sinnvoll ist

Es ist kein Versagen, sich Hilfe zu holen, wenn es sich einfach zu viel anfühlt. Im Gegenteil: Es erfordert viel Selbstwahrnehmung und Stärke, die eigenen Grenzen zu erkennen und ernst zu nehmen. Wenn Sie merken, dass Sie anfangen, sich zurückzuziehen, bestimmte Situationen zu vermeiden oder die Gedanken so belastend werden, dass sie Ihren Alltag erschweren, sollten Sie sich Unterstützung holen. Sie müssen damit nicht allein umgehen.

In den Vincera Privatkliniken werden solche Themen im Rahmen eines ganzheitlichen Behandlungskonzepts berücksichtigt. Gemeinsam wird darauf geschaut, welche Gedanken und Wahrnehmungsmuster belastend sind, welche Auslöser und Ursachen noch dahinterstecken und wie sich ein neuer Umgang damit entwickeln lässt. Ziel ist es, nicht nur kurzfristig zu entlasten, sondern den Umgang mit dem eigenen Körper langfristig zu stabilisieren und wieder mehr Sicherheit im Alltag zu gewinnen.

Fazit: Zwischen Selbstliebe, Druck und falschen Erwartungen

Body Positivity ist gut gemeint. Und für viele kann sie ein wichtiger Schritt sein, um sich von starren Schönheitsidealen zu lösen. Gleichzeitig zeigt sich, dass daraus auch neuer Druck entstehen kann. Der Anspruch, sich selbst lieben zu müssen. Sich wohlfühlen zu sollen – jederzeit. Wenn es sich für Sie nicht so anfühlt, ist das kein persönliches Scheitern. Die Beziehung zum eigenen Körper ist nicht einfach. Sie ist oft widersprüchlich, verändert sich und darf auch schwierig sein. Vielleicht liegt der wichtigste Schritt deshalb nicht darin, sich sofort lieben zu müssen. Sondern darin, sich selbst besser zu verstehen.

Wir sind für Sie da: Kompetente Hilfe bei der Wahl der richtigen Therapie.

Themenwelt

Entdecken Sie unsere neuesten Artikel zur psychischen Gesundheit

Wir bringen Menschen zusammen, die in ihrem Verantwortungsbereich viel Positives für seelische Gesundheit bewirken können. Lesen Sie hier von unserem Engagement.

Kontakt aufnehmen

Wir stehen Ihnen zur Seite

Teilen Sie uns Ihr Anliegen über unser Kontaktformular mit.

Vielen Dank! Wir haben Ihre Nachricht erhalten.
Beim Versenden des Formulars ist ein Fehler aufgetreten.
Bitte versuchen Sie es in wenigen Minuten erneut.